Berlin-11

Wohnen im Plattenbau, ein Nachmittag im Stasi-Gefängnis, Einschusslöcher im Reichstagsgebäude, Checkpoint Charly – Erfahrungen der besonderen Art für einen Jugendlichen!

Na gut, der Plattenbau war ein Hostel, wenn auch tatsächlich mit sieben Stockwerken und 235 Zimmern, die eher spärlich eingerichtet waren. Aber so viel Zeit verbrachten die Schüler ja ohnehin nicht dort, denn das fünftägige Programm war straff. 

Nach der sechsstündigen Anfahrt mit dem Zug in die Bundeshauptstadt, machten sich die Schüler zusammen mit Ihren Lehrerinnen und Lehrern direkt auf den Weg zur Gedenkstätte Hohenschönhausen, wo über Jahrzehnte lang "Staatsfeinde der DDR" von der "Staatssicherheit" gefangen gehalten, verhört und gefoltert wurden.

Die Filmdokumente, der abgeriegelte Ort und die Zellen wirkten äußerst bedrückend. Aber das wirklich Eindringliche waren die Berichte des Zeitzeugen, der unsere Gruppe führte … und der zu DDR-Zeiten selbst Häftling in Hohenschönhausen war.

Weitere Einblicke in das Leben der "Ostdeutschen" verschafften sich die Schüler am 2. Tag in der Ausstellung "Alltag in der DDR", die sehr facettenreich über das politische Regime, Arbeitskollektive und Zentralplanwirtschaft, aber auch über Freizeit, Musik, Konsum, die "Datsche" und den Trabbi informierte. Anhand von rund 800 Originalobjekten konnten sich die Jugendlichen ein konkretes Bild über das Leben in der anderen Hälfte des ehemals geteilten Deutschlands machen.

Nach einem Spaziergang durch Berlin, mit Abstecher zum Checkpoint Charly und der Ausstellung "Topografie des Schreckens", stand der offizielle Teil unserer politischen Bildungsreise an: der Besuch des Bundestags, mit einem äußerst interessanten und pointierten Vortrag im Plenarsaal und anschließendem persönlichem Gespräch mit einem Augsburger Bundestagsabgeordneten.

Natürlich fiel schon vor Antritt der Reise zigfach von Schülerseite die Frage, ob sie denn auch Freizeit hätten (im Wortlaut: "Freigang"), ob sie die Stadt auf eigene Faust erkunden dürften und ihre Skateboards mitnehmen könnten. Und natürlich durften sie … wobei sich herausstellte, dass letztlich als Ziel zumeist internationale Fast Food-Ketten, Skater-Läden und Bekleidungsgeschäfte auserkoren wurden.

Der dritte Tag der Klassenfahrt führte uns auf die Museumsinsel und tief in die Vergangenheit: Nach dem "Alltag in der DDR" erfuhren wir im Ägyptischen Museum Interessantes über den Alltag vor Tausenden vonJahren, über Pharaonen mit rasierten Schädeln (auch eine Art der Körperhygiene!), Sarkophage und Lebensmittel für das Jenseits, wir sahen Katzenmumien und … natürlich die Büste der Nofretete, die wir, als Abguss für Blinde, sogar berühren, streicheln und liebkosen durften. Das Nachmittagsprogramm sah einen Besuch der sogenannten "East Side Gallery" vor, eines langen Abschnitts der Berliner Mauer, der "Mauer-Kunst" präsentiert mit teils farbenfrohem Graffiti und teils politischen Statements zur deutsch-deutschen Geschichte. Auch der deutsch-sowjetische Bruderkuss war dort zu sehen.  

Überrascht waren die Lehrer davon, dass die Schüler freiwillig schon vor der vereinbarten "Bettzeit" in ihren Viererzimmern waren. Aber wenn man natürlich ausreichend Chips und Süßigkeiten organisiert hat … oder einen riesigen Flachbildschirm samt PlayStation im Gepäck hatte …

Für eine Klassenfahrt Mitte Mai hatten wir großes Glück mit dem Wetter, da es während der gesamten fünf Tage fast ausnahmslos sonnig und heiß war, was uns auch bei unserem Ausflug am letzten Tag zugutekam. Mit dem Zug fuhren wir nach Potsdam und besichtigten Schloss Sanssouci und die Gärten. Die anschließende Freizeit nutzten vermutlich nur die Lehrer, um sich die ländliche Idylle der russischen Siedlung Alexandrowka und das holländische Viertel anzusehen. Aber das Potsdamer Eis hat, so wurde berichtet, auch ganz hervorragend geschmeckt.

Am Freitagvormittag zog die Klasse samt Lehrkräften mit Koffern und Taschen bepackt durch Berlin, um kurz vor der Rückfahrt auch den Kurfürstendamm und die Gedächtniskirche gesehen zu haben.

Das Fazit der Reise

Viel gelaufen, viel deutsche Geschichte hautnah erlebt, viele Informationen bei vielen Gruppenführungen erhalten und viele Sehenswürdigkeiten besichtigt – und das in wenigen Tagen.